Letzte Woche schaltete Electronic Arts die Server von Anthem, einem von BioWare entwickelten Live-Service-Spiel, das seine ambitionierten Ziele nicht erreichen konnte, offiziell ab – eine Entscheidung, die bereits im Juli angekündigt worden war.
In einem kürzlich erschienenen Videointerview sprach der YouTuber Destin Legarie mit Mark Darrah, einem erfahrenen BioWare-Produzenten, dessen Karriere von Baldur’s Gate (1998) bis zum kommenden Dragon Age: The Veilguard als Berater reicht. Bemerkenswert ist, dass Darrahs Mitwirkung im Studio die Mass Effect- Reihe ausschloss.
Im Verlauf des Gesprächs ging Darrah auf verschiedene Schwächen von „Anthem“ ein, wo er als Executive Producer tätig war. Zu den wichtigsten Erkenntnissen aus dem Interview gehören:
- Anthem ließ sich ursprünglich von Diablo inspirieren, doch Darrah schlug vor, sich stärker an Destiny als Loot-Shooter zu orientieren. Dieser grundlegende Fehler trug zu Problemen mit der Loot-Mechanik, dem Endgame-Content und der Spielerbindung bei.
- Die Flugmechanik steigerte zwar den Spielspaß, brachte aber auch einige Komplikationen mit sich. Darrah bemerkte beispielsweise, dass gegnerische Einheiten Fernkampfangriffe benötigen, um fliegende Spieler kontern zu können. Außerdem konnten erfahrene Spieler Neulinge leicht zu schnell durch die Story-Missionen ziehen, was den Erzählfluss störte.
- Vor der E3 2017 experimentierte BioWare sogar mit einer Anthem- Version ohne Flugfunktion. Die endgültige Vision sah das Fliegen jedoch stets als zentrales Spielelement vor.
- Im Interview schlug Darrah vor, dass eine neunmonatige öffentliche Betaphase von Vorteil gewesen wäre. Ein solcher Ansatz hätte es dem Entwicklerteam ermöglicht, während einer Beta-Phase iterative Verbesserungen vorzunehmen, ähnlich wie im ersten Jahr nach der Veröffentlichung des Spiels.
- Darrah betonte die Notwendigkeit einer besseren Führung bei BioWare Austin, die über umfangreiche Erfahrung in der Entwicklung von Live-Service-Spielen durch Star Wars: The Old Republic verfügte. Ursprünglich waren sie mit Anthem Next beauftragt, einer geplanten Überarbeitung mit neuen Gameplay-Features. Aufgrund von Personalmangel wurde dieses ambitionierte Projekt jedoch im Februar 2021 eingestellt.
Zum Ende des Interviews ging Darrah auf eine in der Gaming-Community weit verbreitete Ansicht bezüglich der Entwicklung von Anthem ein. Er räumte zwar ein, dass EA eine Mitschuld an den Problemen des Spiels trage, wies aber die Ansicht zurück, BioWare hätte es gar nicht erst entwickeln sollen.
Ich finde es leicht, EA die Schuld zu geben, und sicherlich tragen sie einen Großteil der Verantwortung für Anthem, aber es ist nicht allein ihre Schuld. Erwähnenswert ist aber, dass sich damals einige Leute sofort meldeten und sagten: „Seht ihr, ich hab’s euch ja gesagt!“, so nach dem Motto: „BioWare hätte Anthem niemals entwickeln dürfen, weil sie ein Studio für Einzelspieler-RPGs sind.“ Ich bin jedoch der Meinung, dass sich BioWare ständig weiterentwickelt hat. Nach dieser Logik hätten wir Neverwinter Nights niemals entwickeln dürfen, weil wir ein 2D-RPG-Studio waren. Wir hätten Mass Effect niemals entwickeln dürfen, weil wir ein Studio für taktische RPGs und nicht für Action-RPGs waren. Daher überzeugt mich dieses Argument nicht wirklich.
Mit Blick auf die Zukunft äußerte sich Mark Darrah vorsichtig optimistisch, insbesondere nach den Schwierigkeiten des Unternehmens mit Dragon Age: The Veilguard, das die finanziellen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Der nächste Teil der Mass Effect- Reihe ist entscheidend für die weitere Entwicklung des Studios. Darrah wies auf einen möglichen Lichtblick hin: BioWare konzentriert sich nun auf ein einziges Projekt und widmet sich im Gegensatz zur Entwicklung von Anthem, Mass Effect: Andromeda und Dragon Age: The Veilguard, bei der die Ressourcen stark verteilt waren, ausschließlich diesem nächsten Titel. Ob dieser fokussierte Ansatz zu einem erfolgreichen Spiel führen wird, bleibt abzuwarten.
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